EVA MOOSBRUGGER – EXPLORATIONS IN LIGHT AND COLOR von URSULA ILSE-NEUMAN,
Kuratorin Museum of Arts and Design, Freelance Kuratorin und Autorin, NY, USA

Im Laufe ihrer erstaunlichen künstlerischen Karriere war Eva Moosbrugger stets auf der Suche nach Medien, die ihre enge Verbundenheit mit der Natur und ihre tiefe Hingabe an den kreativen Prozess am besten vermitteln können. Sie ist geprägt durch ihre Dornbirner Umgebung (Vorarlberg, Österreich), und die auf Reisen in ferne Länder gesammelten Eindrücke fließen in ihre Werke ebenso mit ein wie sie die Fülle unterschiedlicher Materialien bestimmen, mit denen sie physikalische und konzeptionelle Grenzen sprengt. Als echte Weltbürgerin überwindet sie mit ihren Objekten, die von funktionellen Gefäßen bis zur abstrakten Skulptur und vom Kuriosen zum Spirituellen reichen, die artifizielle Trennung zwischen Kunst, Handwerk und Design.

Seit 1996 ist Moosbruggers Medium der Wahl Glas – ein Material, mit dem sie aufgrund seiner nahezu unbegrenzten Vielseitigkeit und Ausdrucksmöglichkeiten ihre künstlerischen Konzepte umsetzen kann. Zu ihrer Liebe zu Farbe – Leitmotiv, das ihre Fantasie bei der mittlerweile mehr als zwei Jahrzehnte dauernden Beschäftigung mit Glas beflügelt hat – kommt die Leidenschaft für durch die Natur inspirierte biomorphe Formen.

Als Malerin begann Moosbrugger in den achtziger Jahren von der Natur inszenierte wundervolle Licht- und Farbspiele darzustellen. Diese frühen Malereien offenbaren bereits ihre Faszination für Licht und nehmen ihre spätere Hinwendung zum Glas vorweg, wie dies z. B. zum Ausdruck kommt im Triptychon Es stand geschrieben, daß. Wo? von 1987, eine durch Zaunpfosten hindurch betrachtete Landschaft, die von einem ätherischen Mond beschienen wird, so dass die „reale Welt“ wie durch einen geheimnisvollen, lichtdurchlässigen Schleier gesehen wird. Moosbruggers Gemälde in Acryl, Öl und Aquarell werden zunehmend abstrakter und ihre Vorliebe für unregelmäßig geformte rundliche Steine und Felsen gleichzeitig intensiver, was sich schließlich in Zeichnungen von geologischen Formationen niederschlug, wie in dem Aquarell Untitled (1989), der Darstellung eines Landschaftsdetails von Kastilien.

Moosbrugger arbeitet in Zyklen, in denen sie einer Idee, Vorstellung oder einem allegorischen Hinweis nachgeht, die sie dann in einer Anzahl verwandter Stücke mit unterschiedlicher Herangehensweise ausarbeitet. Ein sich wiederholendes Thema ist die enge Beziehung zur Natur, oft durch Abstraktion oder die radikale Reduktion einer Idee dargestellt. 1984 war Moosbrugger bereits zum dreidimensionalen Ausdruck in Form von Skulptur und Installationen aus Holz, Eisen, Beton, Keramik, Stein und Metall übergegangen. Sie sieht sich selbst als >Materialistin< und meint damit, daß die von ihr gewählten Materialien und verwendeten Techniken wesentliche Bestandteile ihrer Werke sind. Um sie zu wahren Boten ihrer Ideen zu machen, wählt Moosbrugger die Bestandteile ihrer Kompositionen sorgfältig aus, indem sie deren Eigenschaften mit all ihren Sinnen erfühlt. Stein übte eine frühe und nachhaltige Anziehungskraft auf sie aus, weil er sich für den physischen Einsatz wie Meißeln und Handpolieren eignet, was charakteristisch für ihr künstlerisches Schaffen wurde. Sie beruft sich ferner auf ein episches Bezugssystem wie in Basreliefs, die griechischen Stelen ähneln, deren Sprache als Symbol der Erinnerung an Vergangenes, Vergessenes dient. Ihre Formen sind der Natur entnommen, jedoch angefüllt mit Symbolen und Allegorien aus der Natur.

Gleichzeitig arbeitete die Künstlerin auch mit transluzentem Alabaster, was in mancher Hinsicht ihre Hinwendung zum Glas vorausahnen ließ. Es unterstrich ihr immerwährendes Interesse für Leuchtkraft, jahrhundertelang wichtiges Attribut der Schönheit, allgemein beschrieben als „hell“, „leuchtend“ und „klar“. Diese Versuche mit Alabaster und einer Vielzahl von natürlichen Materialien wie Granit, Diabas, Basalt und Marmor lehrten sie, mit unterschiedlicher Dichte, Härte, Durchlässigkeit und anderen physikalischen Materialeigenschaften umzugehen, um interessante Oberflächenqualitäten zu erzielen. Ihre Oberflächenbearbeitungen von Stein und Ton waren gekennzeichnet durch Übergänge von rau zu glatt – Übergänge, die später auch ihre Arbeiten aus Glas beleben würden.

1996 – 1999 Frühe Erfahrungen mit Glas
1996 wählte Eva Moosbrugger Glas als Hauptarbeitsmaterial, wobei sie dem Weg vieler aufstrebender Glaskünstler auf die legendäre Insel Murano bei Venedig folgte, wo sie ihre künstlerische Richtung fand und weiter entwickelte. Instinktiv verstand sie, daß Glas ihr mit seinen enormen Möglichkeiten und verwirrenden Widersprüchlichkeiten (es ist gleichzeitig zerbrechlich und massiv, opak und transparent, lichtreflektierend und -absorbierend, kalt und heiß) erlauben würde, die Subtilität der Malerei mit räumlicher Formgebung zu verbinden. Sie fühlte sich besonders angezogen von der Choreographie der Glasherstellung und von der Bewegung reflektierten und gebrochenen Lichts, der Erfaßbarkeit zeitloser Bilder und dem subjektiven Gefühl und Bewußtsein, durch das der Künstler den Betrachter erreicht.

In den folgenden zwei Jahren pilgerte Moosbrugger viele Male nach Murano, wurde vertraut mit den traditionellen venezianischen Formen und lernte die leuchtenden Farben übereinanderzulegen, so daß neue Schattierungen und Farbkombinationen entstehen. Nach einem Jahrzehnt mühseliger Beschäftigung mit den hartnäckigen Eigenschaften von Stein nahm sie voll Begeisterung dieses geschmeidigere und leichtere Material in Angriff. In ihren eigenen Worten >wurde sie farbentrunken<, berauscht von seiner Intensität und Diversität.

Wichtig ist hier zu bemerken, in welchem Ausmaß die Beziehung zwischen Licht und Glas Moosbruggers Arbeiten beeinflußt. Obwohl die Lichtdurchlässigkeit von Buntglasfenstern in gotischen Kathedralen einst Transzendenz, Spiritualität oder göttliche Weisheit symbolisierte, reflektiert zeitgenössische Metaphorik eher säkulare, vertraulichere und persönlichere Haltungen. Grundsätzlich bedeutet Glas für Moosbrugger eine selbstgeschaffene Möglichkeit zur Erweiterung ihrer alltäglichen Welt.

In dem Maß wie ihr technisches Verständnis wuchs, begann Moosbrugger mit komplexeren Schichtungen und Färbungen die natürlichen Grenzen des Materials immer weiter zurückzudrängen. Es gelang ihr bis zu zwölf Schichten übereinander zu legen und größere Stücke herzustellen. Dabei liegt es ihr besonders am Herzen, die Kaltbearbeitung des Glases in ihrem eigenen Atelier auszuführen; sie wandte Sandstrahlen, Schleifen und Polieren an, um Oberflächenstrukturen und fensterähnliche Effekte, durch die sich innere, verborgene Welten auftun, zu erreichen. In ihren Skulpturen aus dem Jahre 1999 hat sie deren gesamte Oberfläche von Hand poliert und dadurch einen zarten Schleier erwirkt, der die Wahrnehmung der inneren Schichten erschwert, aber gleichzeitig die für ihre Werke so charakteristische strukturelle Vielschichtigkeit erhöht.

Glas 1999 bis heute
In ihren Arbeiten seit 1999 stellt sie die Natur auch weiterhin nichtgegenständlich dar. Obwohl sie das Glas nicht selbst bläst, arbeitet sie doch eng mit den Glasbläsern in Murano zusammen, die sie bei der Arbeit anleitet, um so die gewünschten überfangenen Formen und Farben zu erhalten. Danach nimmt sie die >Rohlinge< mit in ihr Atelier, wo sie die Oberfläche durch Gravieren und Schleifen bearbeitet, bis das endgültige Erscheinungsbild erreicht ist. Dieser Vorgang wird an der 2000 begonnenen Serie der Haptoglyphen deutlich. Die Arbeiten stellen Mikrokosmen – eigenständige Welten – dar. Die meisten sind länglich, spitz zulaufend, graviert und handpoliert. Moosbrugger nennt sie >Haptoglyphen<, eine Zusammensetzung des griechischen Wortes >hapto<, das bedeutet tasten oder verbinden, und dem ägyptischen >glyph<, das bedeutet „Begriff“. Sie betont damit ihre Intention, Vergangenheit und Gegenwart zu vereinen, um ihre Arbeiten über den Tastsinn zugänglich zu machen, was wiederum den Betrachter zum Berühren anregen soll.

Diese geschlossenen, massiven Formen sind elegant in ihrer Ausgewogenheit und Klarheit, ohne äußere Verzierungen oder überflüssige Linien. Stück für Stück umfaßt das gesamte Spektrum und erreicht oftmals ein Eigenleben durch innere Schichten, das durch kristallklare äußere Schichten hindurchzuleuchten scheint. Zusätzlich nützt die Künstlerin die physikalischen Eigenschaften des Glases durch raffinierte Oberflächenstrukturen und Gravieren von Mustern.

Ein Jahr später arbeitet sie an Three Women mit rotem, mehrfach bernsteinfarben überfangenem Glas und erhält damit ein noch komplexeres Innenleben, indem sie glatte Kanten vermeidet und so eine mehr lyrisch >haptoglyphe< Oberfläche erreicht. Oberflächenstruktur und Gravur erhöhen die Vielschichtigkeit und den taktilen Wert der von ihr entworfenen reinen Formen, was auf die unsere Landschaften verändernden elementaren Kräfte hindeutet. Einige der Farbeffekte erinnern beispielswiese an Gemälde von Jules Olitski und Larry Poons.

Markante Oberflächenstrukturen ergeben sich aus dem rein physischen Akt des Schleifens von Mustern in das Glas, eine Kernkomponente im Schaffen der Künstlerin. Dieser Vorgang bedeutet für Moosbrugger die Erfahrung einer Geist und Körper umfassenden Transformation, die sich in ihrer Kunst durch die im richtigen Moment an der Oberfläche festgehaltene kreative Energie manifestiert, die erhalten bleibt lange nachdem das Objekt ihr Atelier verlassen hat.

Während all ihrer Erfahrungen mit Glas hat Moosbrugger ihre Vorliebe für natürliche Steine und die in ihrer Struktur aufgezeichneten Naturkräfte bewahrt, wie sie beispielsweise Gletscherfindlinge aufweisen, die durch Gletscherausbreitung und -rückzug zig bis Hunderte von Kilometern von ihrem Entstehungsort hinweggespült wurden. In ihrem Oeuvre gibt es keine poetischeren Objekte als die Entsprechungen, ein 2002 begonnener Zyklus von Diptychen, die die Eigenschaften von Glas gegen die von Granitsteinen ausspielen. Moosbrugger verbrachte zahllose Stunden damit, Vorarlbergs Hügel, Flussläufe und Felsformationen zu durchkämmen, um makellose, perfekt geformte Steine zu finden, die sie in ihrer Form nicht verändern und damit nicht in die Natur eingreifen mußte. Von Hunderten konnte sie vielleicht zwei oder drei pro Jahr gebrauchen, die sie dann polierte, um unterschiedliche Strukturen sichtbar zu machen. Sie entwirft das Glasgegenstück in ähnlicher Form, unterstreicht jedoch die Unterschiede dieser Entsprechungen durch Gegenüberstellung kontrastierender Farbtöne und unterschiedlicher Transparenz.

Moosbrugger betont absichtlich die Entstehungsgeschichte des Materials, um so die Eindringlichkeit und Intensität ihrer Kunst zu steigern. Entsprechung Nr. 2, (2003) stellt einen handpolierten Granitkiesel einem opaken Kristallkörper mit mehrfachen Überfängen und tief eingravierten Linien und Wellen gegenüber. Die kontrastierenden Eigenschaften von Stein und Glas werden noch weiter herausgearbeitet in Entsprechung Nr. 4 (2002): hier trennen scharfe Grenzlinien den Stein in einen polierten und einen rauen Teil – eine Abgrenzung, die sich auf dem opaken Teil und der glatten, polierten Oberfläche des Glasgegestücks wiederholt. Die chamäleonartige Eigenschaft von Glas in den Händen einer höchst einfallsreichen Künstlerin ist bemerkenswert, und teil der Anziehungskraft ihres Oeuvres ist nicht zuletzt die Tür, die sie zu den unendlichen Möglichkeiten dieses so vielschichtigen Mediums öffnet.

Für Eva Moosbrugger stellen die langen Reisen der Kieselsteine ideale Metaphern menschlicher Existenz dar. Zusammen mit leuchtenden Glasobjekten, die das Licht einfangen, erlauben diese harmonischen Arbeiten dem Betrachter, Teile seiner oder ihrer eigenen Geschichte darin zu lesen. In diesen Paarungen scheinen die Gletscherfindlinge und deren gläserne Entsprechungen in einer zarten Verbindung miteinander verwoben.

Moosbrugger hat ihre Wertschätzung von Goethes Farbenlehre zum Ausdruck gebracht. Mehr Philosophie als wissenschaftliche Disziplin postuliert sie, daß Farben ihren Ursprung nicht im physikalischen Universum finden, sondern in der Wahrnehmung jedes Einzelnen. Diese Verbindung zwischen Farbe, künstlerischem Ausdruck und emotionaler Resonanz ist Moosbruggers Arbeiten inhärent, da sie ihre Farben sowohl aus symbolischen als auch chromatischen Erwägungen heraus wählt. In Goethes Schema kommt Gelb ein ruhiger, leicht anregender Zug zu; Orange verfügt über ein Höchstmaß an Energie; Blau ist gleichbedeutend mit Unnahbarkeit und Kälte; während Purpur als unruhige Farbe gilt, ist Grün beruhigend. Es mag interessant erscheinen, beim Betrachten von Moosbruggers Memory Objects über diese Zusammenhänge nachzudenken, obwohl die Arbeiten auch ohne Goethes Übersicht ihren Eindruck nicht verfehlen.

Die starke Wirkung, die von der Gruppierung von Figuren ausgeht, fand Niederschlag in den bekannten Wandinstallationen mit dem Titel Impacts (Anm. E. M.: seit 2010 Friendly Thoughts), mit denen Moosbrugger 2006 begann. … Diese einzigartigen Wandinstallationen bestehen aus einer Reihe frei geblasener, in ihrer Form ähnlicher und beliebig kombinierbarer verschiedenfarbiger Objekte. Dabei wird es dem Betrachter überlassen, wie er die entstehende, unterschiedliche Beziehung in seiner eigenen Wahrnehmung interpretiert. 2007 hat sie ihre Wandinstallationen weiter ausgeführt und hierzu mehrfache Varianten monochromer Objekte verwendet.

Eva Moosbrugger verschiebt in ihrer Kunst die Grenzen des Mediums Glas jenseits aller Erwartungen. Geniale Oberflächenstrukturen regen den Betrachter an, die Objekte zu berühren und verleihen den Skulpturen ihr charakteristisches Erscheinungsbild. Durch mehrmaliges Ansehen entstehen neue Eindrücke, die sich aus der Beobachtung, der Beziehung, der Entfernung zum Objekt und der jeweiligen Stimmung des Betrachters ergeben. Nebeneinanderstellung von Farbtönen, Formen und Licht sind kennzeichnend für die Fähigkeit Moosbruggers, in ihre Arbgeit Gleichgewichte und Gegensätze der natürlichen Welt einfließen zu lassen.

Sie war gut verwurzelt in der Ruhe der österreichischen Alpen, deren Geomorphologie und geologischer Entstehungsgeschichte, als ihre Reisen nach Indien und Australien ihr Adrenalinschübe versetzten, die zu einer Fülle unmittelbar fashzinierender Arbeiten führte. Im Laufe der Zeit gingen diese Einflüsse visueller (Farbe und Licht) und taktiler Art (Berührung, Temperatur, Raum) in einen erweiterten Wortschatz ein, der das Herzstück von Moosbruggers künstlerischem Schaffen ausmacht.

Will man das kreative Schaffen Moosbruggers in dieser Phase ihrer Karriere beschreiben, so läßt sich dies am ehesten durch den Vergleich mit einer Landschaft, die noch im Entstehen ist, um ein Analogon aus der Geologie zu bemühen, was auf diese Künstlerin höchst zutreffend ist. Ihre zahlreichen Werkszyklen sind eine bemerkenswerte Leistung, die jetzt schon als Wegweiser oder Meilensteine einer in Höchstgeschwindigkeit verlaufenden Reise verstanden werden können. Es ist aufregend, diese Fahrt in freudiger Erwartung dessen zu begleiten, was just hinter der nächsten künstlerischen Ecke zu sehen sein wird.

Auszug: Ursula Ilse-Neuman, Kuratorin Museum of Arts and Design, Freelance Kuratorin und Autorin, NY, USA, in EVA MOOSBRUGGER – PURE. Monografie. ISBN 978-3-902612-02-8, Seiten 65-71
©2020 Eva Moosbrugger