ARTIST STATEMENT VON EVA MOOSBRUGGER, IM JULI 2010
Seit beinahe 20 Jahren ist die formale Ausgangsbasis für meine Skulpturen der Kieselstein.
Kiesel sind für mich perfekte Metapher für das menschliche Sein.
Durch ein (plötzliches) Geschehen vom Ursprungsfelsen losgerissen - von Naturgewalten (wie das Schmelzen von Gletschern am Ende einer Eiszeit oder von Flüssen) mitgerissen - an Talsohlen entlanggeschleift - aneinandergeschlagen - sich aneinanderreibend
- sich gegenseitig polierend...
Leben, Raum und Zeit in Formen gespeichert.
Die Form, die ein Stein im Verlauf seines Werdens annimmt, ist Ausdruck eines Ausgleichs zwischen dem inneren Widerstand und den äußeren Zerstörungskräften.
Peter Niedermair in EVA MOOSBRUGGER - PURE (Monografie, 2007)
DAS GEDÄCHTNIS DER KIESEL
Um Landschaft zu erkennen, geht man am besten spazieren. Bilder von Landschaften sind Konstrukte, Integrationsleistungen von Wahrnehmung. Und alle Wahrnehmung hat mit Sprache zu tun. Steine zum Sprechen bringen. Den Kiesel in ihrer Manteltasche zum Beispiel.
Und entdecken, später einmal, dass Steine neben ihrer Kosmogenese auch eine Homogenese haben. Dann kann der Stein zu sprechen beginnen. Und symbolisch werden. Oder man kann sich Vergleiche ausdenken. Das Leben eines Steins gleicht irgendwie, wenn man so
will, dem Werden und Wandern des Menschen. Wenn man moosbruggernd spazieren geht, kann sogar mehr daraus entstehen. Dann kann der Kiesel, der wer weiß wie lange herummäandert hat, zur Quelle künstlerischer Inspiration werden. Wie bei Eva Moosbrugger.
Hat sie damals als Kind geahnt, dass sie eines Tages ihre künstlerischen Forschungen mit Steinen beginnen würde, dass es im Stein ein aktives Element der Kosmogenese gibt? Dass sie ihre Erinnerungen an den Kiesel, nachdem sie mit der Steinhauerei
als Künstlerin fertig war, hervorholen würde. Mich hat eine Beobachtung André Bretons sehr beeindruckt: "Darum lassen Steine, ohne sie auch nur im geringsten aufzuhalten, die allermeisten im Erwachsenenalter gelangten Menschen vorbeigehen,
diejenigen aber, die sie wider Erwarten zurückhalten, geben sie im allgemeinen nicht mehr frei. Überall, wo sich die Steine drängen, ziehen sie die Menschen in ihren Bann."
Jetzt:
Komplexe und dennoch sichtbare Bedeutungsräume verweben sich mit dem optischen Illusionismus der dem Material (Glas) und dessen künstlerischer Verarbeitung eigenen Qualität. Was bleibt ist das Spiel von Licht und Farbe, das auf Haut und Körper
als Tiefenräumliches und äußeres Geschehen verweist.
Mit dem wiederholten Aufgreifen der Figur des Kiesels als solcher kehrt Eva Moosbrugger jeglicher Kategorisierung den Rücken und macht das ihr Eigene.
Die materielle Präsenz der Glaskörper changiert, je nach Lichtqualität und Lichteinfall und natürlich dem Ort, als offenes mehrdeutiges System zwischen der Selbstreferentialität des geblasenen Glases und der Intention der Künstlerin,
die Spur des Kiesels motovisch zu generieren. Sinnlich verweben sich die einzelnen Schichten in den Glaskörpern ineinander, öffnen sich bei entsprechendem Lichteinfall, verschieben und verlieren sich zu einem komplexen Gebilde voller Weichheit, Eleganz
und verführerischer Exquisität. ..
"Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar", sagt Paul Klee. Ihm ging es darum, neue Dimensionen zu enthüllen, die sich hinter der äußeren Erscheinung der Dinge verbergen. Wie Klee, so geht es auch Eva Moosbrugger um eine
poetische Synthese aus Erinnerung, Meditation, aus Beobachten und Notieren.
Um das Gleichnishafte.